Wer finanziert die Zukunft? – Zur Erosion der Steuerbasis in einer globalisierten Wirtschaft
Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe des 4future.institute zur Frage, wie sich die wirtschaftlichen und finanziellen Grundlagen unserer Gesellschaft im Zeitalter globaler Plattformökonomie verändern.
Im Zentrum steht eine einfache, aber grundlegende Frage: Wer finanziert in Zukunft die Infrastruktur, auf der unsere Wirtschaft basiert?
Die übersehene Seite der Budgetdebatte
Die Diskussion über öffentliche Finanzen in Europa konzentriert sich meist auf die Ausgabenseite. Steigende Defizite, wachsender Investitionsbedarf und die Notwendigkeit von Priorisierung dominieren den Diskurs. Die Diagnose lautet häufig: Der Staat gibt zu viel aus. Die naheliegende Antwort: Effizienzsteigerung und Konsolidierung.
Weniger Beachtung findet eine strukturelle Veränderung auf der Einnahmenseite: die zunehmende Entkopplung von wirtschaftlicher Aktivität und steuerlicher Erfassung. In einer globalisierten Wirtschaft ist es für Unternehmen möglich, Gewinne über Ländergrenzen hinweg zu verlagern – während Infrastruktur, Arbeitskräfte und Nachfrage lokal gebunden bleiben.
Globale Wertschöpfung, nationale Besteuerung
Multinationale Unternehmen unterliegen grundsätzlich der Besteuerung. Der entscheidende Punkt liegt jedoch darin, wo Gewinne anfallen und wie sie verteilt werden. Durch konzerninterne Verrechnungspreise, Lizenzmodelle und die Zuordnung immaterieller Vermögenswerte können erhebliche Teile der Gewinne in Länder mit niedriger effektiver Besteuerung verlagert werden.
Die OECD schätzt die jährlichen Einnahmenverluste durch Gewinnverlagerung (Base Erosion and Profit Shifting, BEPS) weltweit auf 100 bis 240 Milliarden US-Dollar. Innerhalb Europas führt dies zu einer strukturellen Verschiebung: Länder, in denen wirtschaftliche Aktivität stattfindet, sind nicht zwingend jene, in denen die entsprechenden Gewinne besteuert werden.
Digitale Geschäftsmodelle als Katalysator
Digitale Unternehmen verdeutlichen diese Entwicklung besonders klar. Software, Cloud-Dienste und Plattformen lassen sich global anbieten, ohne dass eine entsprechende physische Präsenz in jedem Markt erforderlich ist.
Microsoft etwa erzielt einen erheblichen Teil seiner Umsätze in Europa, strukturiert jedoch seine internationalen Gewinne über zentrale Gesellschaften. Historisch wurden dabei Modelle genutzt, die zu sehr niedrigen effektiven Steuerquoten führten. Einzelne Einheiten verwalteten dreistellige Milliardenbeträge bei gleichzeitig minimaler steuerlicher Belastung.
Auch wenn internationale Reformen wie die globale Mindestbesteuerung hier gegensteuern, bleibt das Grundproblem bestehen: Digitale Wertschöpfung ist hochgradig mobil, steuerliche Zuständigkeit hingegen territorial organisiert.
Auch physische Geschäftsmodelle folgen dieser Logik
Die beschriebenen Mechanismen beschränken sich nicht auf digitale Geschäftsmodelle. Auch im klassischen Handel lassen sich vergleichbare Strukturen beobachten.
Amazon betreibt in Europa umfangreiche Logistikstrukturen und nutzt lokale Infrastruktur für Lagerung und Zustellung. Die zentrale Abwicklung der Verkäufe erfolgt jedoch über übergeordnete europäische Gesellschaften. Ähnlich verhält es sich bei IKEA, wo ein erheblicher Teil der Gewinne über Lizenzmodelle für Marke und Konzept generiert und in steuerlich optimierten Strukturen erfasst wird.
In beiden Fällen gilt: Die wirtschaftliche Aktivität ist lokal verankert, die steuerliche Gewinnrealisierung jedoch gestaltbar.
Die Folgen für Staat und Gesellschaft
Diese Entwicklung hat direkte Auswirkungen auf die Finanzierung öffentlicher Güter. Infrastruktur, Bildungssysteme, Rechtsstaatlichkeit und digitale Netze sind lokal organisiert und werden aus nationalen Steuerquellen finanziert.
Wenn ein wachsender Teil der Wertschöpfung steuerlich nicht mehr im gleichen Umfang erfasst wird, entsteht ein struktureller Druck auf die Einnahmenseite. Die Reaktionen darauf sind bekannt: eine stärkere Belastung weniger mobiler Steuerbasen, insbesondere Arbeit und kleine Unternehmen, oder Konsolidierungsmaßnahmen auf der Ausgabenseite.
Letzteres führt häufig zu einer Verschiebung von Investitionen in Infrastruktur und Zukunftstechnologien – mit langfristigen Auswirkungen auf Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsfähigkeit.
Zwischen Reform und Realität
Internationale Initiativen wie die BEPS-Projekte der OECD und die Einführung einer globalen Mindestbesteuerung von 15 Prozent stellen wichtige Schritte dar. Sie adressieren jedoch vor allem extreme Ausprägungen der Gewinnverlagerung.
Die grundlegende Herausforderung bleibt bestehen: Unternehmen agieren global, während steuerliche Systeme national organisiert sind. Solange diese Diskrepanz nicht überwunden wird, werden Gestaltungsspielräume bestehen bleiben.
Eine Frage der Zukunftsfähigkeit
Die Frage nach der Besteuerung globaler Wertschöpfung ist damit keine rein fiskalische. Sie ist eine Frage der Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften.
Ohne eine tragfähige Einnahmenbasis wird es nicht gelingen, Infrastruktur zu erhalten, in Innovation zu investieren oder digitale Souveränität aufzubauen. Gleichzeitig wird die Belastung zunehmend auf jene verlagert, die nicht ausweichen können.
Die zentrale Herausforderung besteht daher darin, Besteuerung und wirtschaftliche Realität wieder stärker in Einklang zu bringen. Nicht als kurzfristige fiskalische Maßnahme, sondern als strategische Voraussetzung für eine funktionierende und zukunftsfähige Wirtschaft.
Mögliche Lösungsansätze
Eine nachhaltige Antwort auf diese Entwicklung wird nicht durch eine einzelne Maßnahme erreicht werden. Die Herausforderung liegt im Zusammenspiel globaler Wertschöpfung und national organisierter Steuer- und Finanzierungssysteme.
Ein erster Ansatz liegt in der stärkeren internationalen Koordination. Initiativen wie die globale Mindestbesteuerung sind ein Schritt in diese Richtung, auch wenn sie vor allem extreme Ausprägungen der Steuervermeidung adressieren. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, gemeinsame Regeln zur Verteilung von Besteuerungsrechten weiterzuentwickeln.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die Besteuerung weiterhin primär am Gewinn ansetzen kann. Gewinne sind in einer globalisierten Wirtschaft mobil und gestaltbar. Weniger mobil ist hingegen die reale wirtschaftliche Aktivität. Modelle, die stärker an Umsätzen, Kundenstandorten oder physischer Präsenz anknüpfen, könnten dazu beitragen, Wertschöpfung und Besteuerung wieder näher zusammenzuführen.
Ein weiterer Aspekt betrifft die Bewertung öffentlicher Ausgaben. Infrastrukturinvestitionen werden häufig als kurzfristige Budgetbelastung betrachtet. Tatsächlich handelt es sich jedoch um die Grundlage zukünftiger Produktivität. Eine stärkere Trennung zwischen konsumtiven Ausgaben und investiven Zukunftsausgaben könnte helfen, diese Perspektive im politischen Diskurs zu verankern.
Schließlich bedarf es größerer Transparenz. Die öffentliche Debatte über Besteuerung globaler Unternehmen ist oft von vereinfachten Darstellungen geprägt. Eine fundierte Diskussion setzt voraus, dass nachvollziehbar ist, wo Gewinne entstehen und wo sie tatsächlich besteuert werden.
Eine Frage der Systemgestaltung
Die Herausforderung liegt nicht in einzelnen Unternehmen oder Ländern, sondern in der Struktur des Systems. Solange wirtschaftliche Aktivität global organisiert ist, während Besteuerung national erfolgt, werden Spannungen bestehen bleiben.
Die zentrale Aufgabe besteht daher darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, die wirtschaftliche Realität und steuerliche Erfassung wieder stärker in Einklang bringen – nicht als kurzfristige fiskalische Korrektur, sondern als Voraussetzung für langfristige Stabilität und Zukunftsfähigkeit.
Fazit
Europa steht nicht nur vor einer Ausgaben-, sondern vor einer strukturellen Einnahmenfrage. Solange Wertschöpfung und Besteuerung auseinanderdriften, wird der Druck auf öffentliche Systeme weiter steigen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht allein, wie effizient Mittel eingesetzt werden – sondern wie ein System gestaltet werden kann, in dem Wertschöpfung dort erfasst wird, wo sie entsteht. Erst dann lässt sich die Grundlage schaffen, um die Herausforderungen der Zukunft nachhaltig zu finanzieren.
- Über den Autor
- Artikel
Werner Illsinger ist Wirtschaftspsychologe (MBA), Unternehmensberater und Technologieexperte (HTL-Ingenieur). Nach über 18 Jahren in Führungspositionen bei Microsoft und leitender Tätigkeit in der IT-Industrie gründete er die 4future.group, um den Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft im digitalen Zeitalter aktiv mitzugestalten.
An der FH Kärnten lehrt er zu den Themen Business Prozesse, Digitalisierung, Leadership und Organisationsentwicklung.
